Jedes Mal, bevor ich ins Theater gehe, brauche ich Zeit, um „Vorarbeit zu leisten“. Besonders bei textbasierten Aufführungen ist es fast unausweichlich, sich vorher mit dem Textinhalt vertraut zu machen. Handelt es sich um eine Romanadaption, bleibt mir nur die Zeit für einen oberflächlichen Überblick über Figuren und Handlung. Ob diese Vorarbeit am Ende hilfreich ist und wie viel ich tatsächlich verstehe, hängt jedoch stark davon ab, welche Rolle der Text im jeweiligen Stück einnimmt. Zwar gibt es auch die Ansicht, ein gutes Stück müsse von sich aus klar genug sein, ohne dass man auf zusätzliche Informationen zurückgreifen müsse. Doch wenn ich mich nicht vorbereitet habe und das Stück dann zufällig schwer verständlich ist, gerate ich oft in einen doppelten Zweifel: Liegt die Verständnisschwierigkeit an der Sprache – oder am Stück selbst?
Im Theater bin ich zwar keineswegs eine Analphabetin, doch die Einsicht, dass man „nicht darauf hoffen darf, alles vollständig zu verstehen“, hat sich längst fest in meinem Bewusstsein verankert. In den meisten deutschen Theatern gibt es keine fest installierten Übertitel; und selbst wenn sie vorhanden sind, lässt sich das Mitlesen nie völlig beiläufig bewältigen. Die Position der Übertiteltafeln ist zudem selten so gewählt, dass sie ein wirklich angenehmes Seherlebnis ermöglichen.
In der Linguistik wird eine Sprache, die man neben der Muttersprache beherrscht, als Zweitsprache bezeichnet (Zweitsprache). Dabei geht es weniger um die zeitliche Reihenfolge des Lernens, sondern vielmehr um Häufigkeit und alltägliche Funktion. Für Kinder, die in einer einsprachigen Umgebung aufwachsen, bedeutet dies meist schlicht eine Fremdsprache (Fremdsprache). Dieses Jahr ist mein zwölftes Jahr des Deutschlernens, insgesamt habe ich sechs bis sieben Jahre in Deutschland gelebt. Das hat dazu geführt, dass mein Englisch, das ich von klein auf gelernt habe, inzwischen auf den Rang einer Drittsprache (Drittsprache) verdrängt wurde.
Beim diesjährigen Festival von Avignon stellten @Yanran und ich schon beim Ticketkauf fest, dass viele Stücke im IN-Programm auf Französisch gespielt werden – oft ohne englische Übertitel. „Mit Übertiteln“ oder „nicht auf Französisch“ – also Aufführungen ohne Sprache oder auf Deutsch bzw. Englisch – wurden so zu unseren primären Auswahlkriterien. Folglich bedeutete es für uns zusätzlichen Kraft- und Energieaufwand, während der Vorstellungen Französisch zu hören und zugleich englische Übertitel zu lesen – ein perfekter Kontrast zu den Sprachsituationen, mit denen wir uns normalerweise bewegen.
So zum Beispiel in Affaires Familiales (Familienangelegenheiten): Den ganzen Abend hindurch wurde der Ablauf juristischer Befragungen im Rahmen familiärer Ereignisse rekonstruiert und imitiert. Die Übertiteltafel, die hoch über der Bühne (zentral im Zuschauerraum) hing, war dabei der geschäftigste Akteur des Abends – im Durchschnitt wechselte alle ein bis zwei Sekunden eine neue Textzeile. Wegen der weiten Entfernung zu unseren Plätzen und Yanrans Astigmatismus konnte sie die Sätze nicht rechtzeitig zu Ende lesen. Erwähnenswert ist außerdem, dass die Übertiteltafel nur einseitig sichtbar war – nur ein Teil des Publikums konnte sie sehen. Als wir eintrafen, war diese Seite fast schon ausverkauft – und das, obwohl die meisten dort ohnehin Französisch verstanden.
Ähnlich war es bei Gahugu Gato (Kleines Land), La Distance (Die Entfernung) und Le Soulier de satin (Der Satinschuh). Die Dialoge waren sprachlich eng verwoben und ausgesprochen lang, was das Lesen enorm erschwerte. Eine volle Texttafel zu lesen bedeutete, den Blick drei bis fünf Sekunden von der Bühne und den Schauspielern abzuwenden. Besonders in den Aufführungen im weitläufigen Ehrenhof des Papstpalasts war die Situation heikel: Die Übertiteltafel stand links neben der Bühne, die Schrift war relativ klein, und wer hinten oben saß, brauchte hervorragende Augen, sofern er kein Französisch verstand. Selbst die Zuschauer in den vorderen Reihen mussten, zusätzlich zu einer Art Schnelllesetraining, ständig den Kopf nach links drehen – ein regelrechtes „Nackentraining“.
Neben unserem im Voraus geplanten IN-Programm stießen wir zufällig noch auf zwei chinesischsprachige OFF-Aufführungen. Abgesehen davon, dass die Stücke selbst sprachlich einfacher waren, entfiel dort durch den Kontext der Muttersprache auch das Gefühl, für das Verstehen „voll gerüstet und hochkonzentriert“ sein zu müssen. Doch es war nicht nur die Leichtigkeit – ich spürte zugleich andere Unterschiede des muttersprachlichen Theatererlebens. Während sprachliche und kulturelle Barrieren wegfielen, stellte sich ein viel schärferes Gefühl von Nähe – und auch von Scham – ein. Das betraf nicht nur die Sprache, sondern auch Körper, Mimik, Gestik und Haltung der Schauspieler. Es waren Menschen mit dem mir vertrauten asiatischen Erscheinungsbild; beim Anblick von ihnen war es nicht mehr das Gefühl, „den Anderen“ zu sehen – vielmehr trugen sie alle Züge von Menschen, die ich kannte.