Schwebende Wurzeln

Am 19. Juni 2025 eröffnete das Theaterfestival Performing Exiles mit dem Stück Destination: Origen des iranischen Regisseurs Mohammad Rasulof.

Bereits 2024 hatte der Regisseur mit dem Film Die Saat des heiligen Feigenbaums die Proteste im Iran gegen das Mullah-Regime und für die Freiheit der Frauen reflektiert. Dabei thematisierte er die Gewalt, Kontrolle und den patriarchalen Zwang innerhalb einer Familie.

In einer emotionalen Ansprache vor der Aufführung sprach er nicht nur über die politische Spannung vor drei Jahren, sondern auch über die aktuelle Lage, in der die Schauspielerinnen keinen Kontakt zu ihren Familien und Freunden im Iran aufnehmen konnten.

Neben einer deutschen Schauspielerin stehen drei Performerinnen im Exil auf der Bühne: Niousha Akhshi, Mahsa Rostami und Setareh Maleki. Der Regisseur betonte im Nachgespräch, dass eine notwendige, praktische Absicht der Produktion darin bestand, den drei Schauspielerinnen erstmals einen legalen Aufenthalt in Deutschland zu ermöglichen.

Auf der Bühne steht ein Wald aus Seilen, der wie die dichten Luftwurzeln eines Feigenbaums die drei Frauenfiguren umschlingt. Zwei Wochen zuvor hatte Israel den Iran angegriffen, das Mullah-Regime kappte daraufhin die Kommunikationsverbindungen nach außen. Die Künstlerinnen stehen vor einem doppelten Dilemma. Sie können weder heimkehren noch anderswo wirklich Fuß fassen.

Rasulofs Bühnenbild und die choreografierten Bewegungen verstärken die politische Aussage des Stücks. Die Frauen bewegen sich durch ein Geflecht aus hängenden Seilen und Kabeln, ein Sinnbild für das Leben unter dem iranischen Regime. Immer wieder durchbrechen grelles weißes Licht und laute Geräusche die Dunkelheit, wie Gewehrschüsse. Doch die Darstellerinnen müssen weiter ihren Weg durch diese bedrohliche Szenerie finden. In ihren Monologen wiederholen sie eine zentrale Aussage: „Die Augen haben Angst, doch die Füße gehen weiter.“

Zu Beginn der Aufführung zeigt ein zerlegbarer und wieder zusammensetzbarer Puppenkörper, wie der Mensch unter politischem Druck die Kontrolle über seinen eigenen Körper verliert. Gleichzeitig wird die Entfremdung spürbar, die entsteht, wenn man im Exil lebt und doch innerlich mit der Heimat verbunden bleibt.

Die gesamte Inszenierung ist in dunklen Farbtönen gehalten. Die Darstellerinnen tragen schwarze Kleidung. In der Mitte des Stücks erscheint ein schwaches Licht auf der Projektionsfläche im Vordergrund der Bühne, ein Symbol der Hoffnung. Die Schauspielerinnen sammeln vorsichtig diese kleinen Lichtpunkte, bis sie genug sind, um nicht nur ein rundes Lichtobjekt auf der Bühne zu erhellen, sondern auch zwei Lampen im Zuschauerraum. Der Regisseur bedient sich hier einer schlichten, direkten Ästhetik, um seine Sehnsucht nach Frieden und universellen Werten auszudrücken.

Im Schlussbild steht in der Mitte der Bühne eine gläserne Vitrine. Darin liegt ein vertrockneter Baumstumpf. Zwei Schauspielerinnen sind mit einem Seil an der Vitrine festgebunden. Wenn man den Baumstumpf als Origen versteht, stellt der Regisseur die Frage: Können wir nach einem langen und schmerzhaften Weg des Widerstands die traumatischen Erfahrungen politischer Gewalt wirklich hinter uns lassen?

Oder tragen wir weiterhin ein unauslöschliches Gefühl der Verbundenheit mit dem Geburtsort in uns und überleben stark, aber innerlich zerrissen?

Diese Fragen bleiben offen. Doch das Theaterfestival Performing Exiles darf die folgende Frage nicht unbeantwortet lassen:

Wie sehr und auf welche Weise erreicht es unter dem Namen der „Exilierten“ tatsächlich die Betroffenen?

Die Schauspielerinnen erwähnten während und nach dem Stück, dass sie in Berlin oft in prekären Wohnsituationen leben.

Was also kann Berlin, eine Stadt, die sich selbst als Stadt des Exils versteht, exilierten Künstler*innen tatsächlich bieten? Welche Form von politischem und kulturellem Schutz wird ihnen gewährt?

Vielleicht sind sie einige der relevanten Fragen, die wir uns heute stellen sollten.

Destination: Origin 

am 20.06 in Berliner Festspiele

Sitzplatz: Letzte Reihe in der Mitte

Eröffnungsstück für Performing Exiles

Künstlerisches Team:

Text & Regie: Mohammad Rasoulof

Dramaturgie: Matthias Lilienthal 

Produktionsleitung: Claudia Peters

Schauspielerinnen: Niousha Akhshi, Mahsa Rostami, Setareh Maleki, Eli Riccardi

Bühne & Kostüm: Yashi

Komponist: Karzan Mahmood 

Regieassistenz: Yasi Moradi 

Künstlerische Beratung des Regieteams: Amin Sadraei 

Videodesign: L Wilson-Spiro 

Choreografie: Laurie Young 

Licht: Sebastian Zamponi

Bühne & Kostüm Assistenz: Viet Thanh Tran 

Übersetzung & Übertitel: Golbarg Zolfaghari (Panthea) 

Outside Eye: Sima Djabar Zadegan