Auf dem Gipfel verstehen wir nichts

Beim Betreten des Theaters fällt der Blick auf ein typisches süddeutsches oder österreichisches Holzhaus, dessen Querschnitt direkt zum Publikum geöffnet ist. Unter einer Bank auf der Bühne liegt ein junger Schauspieler in traditioneller österreichischer Lederhose. Christophe Marthaler ist mit seiner neuesten Inszenierung erneut beim Festival von Avignon vertreten – und bleibt seinem Stil treu: kollektive Kreation, Chor und Musik.

Liliana Benini, Charlotte Clamens, Raphael Clamer, Federica Fracassi, Lukas Metzenbauer und Graham F. Valentine erscheinen nacheinander in einem Aufzug, gekleidet in alpenländische Tracht: der eine in Bergsteiger­ausrüstung, der andere im Hemd mit Weste, wieder ein anderer mit Filzhut. Sie betreten das Holzhaus, als kämen sie zu einer „Gipfelkonferenz“. Ist es ein Sitzungsraum? Ein Ferienhaus? Oder eine provisorische Versorgungsstation? Der Raum bleibt bewusst unbestimmt. Doch das Verhalten und die Stimmen der sechs Darsteller machen klar: wenn sie gemeinsam in diesem Raum verweilen sollen, braucht es Verhandlungen und Zusammenarbeit.

Der Titel Gipfel verweist nicht nur auf das zentral aufgestellte, bergförmige Requisit, sondern auch auf den Gipfel der Alpen, ja auf den Gipfel der Macht. In einem Interview erklärte Marthaler die Tagesordnung dieser Konferenz: 10:00 Faktenforschung / 11:00 Faktenbewertung / 12:00 Mittagspause / 13:00 Lügendetektortest / 14:15 Pressekonferenz.[i]

Die Dramaturgie entfaltet sich schrittweise: Zunächst wirkt alles wie ein gewöhnlicher Gruppenausflug – die Darsteller frühstücken im von Duri Bischoff entworfenen Chalet, ziehen Sportkleidung an, gehen in die Sauna, bis sie schließlich im Festanzug auftreten und sich in Staatsoberhäupter verwandeln. Sie sprechen verschiedene Sprachen: Italienisch, Deutsch, Schottisches Englisch und Französisch, sogar Steirisch, einen österreichischen Dialekt. Verstehen sie einander wirklich? In diesem vieldeutigen, wandelbaren und multifunktionalen Raum montiert Marthaler Texte von Kafka, dem Dichter Christophe Tarkos, Kurzprosa von Arno Schmidt, philosophische Fragmente von Claudio Magris, Reden aus dem Europaparlament sowie improvisierte Dialoge der Schauspieler.

Seit den 1990er Jahren arbeitet Marthaler kollektiv und hat seine eigene „Marthaler-Familie“ gegründet. Doch seine „Familienmitglieder“ sind keineswegs festgelegt. Er betont, er könne sich nicht vorstellen, immer mit denselben sieben oder acht Leuten zu arbeiten – das wäre für ihn eine tödliche „Inzucht“. Vielmehr lebt seine Kunst von den neuen Konstellationen, von der spezifischen Chemie und den überraschenden Funken, die mit unterschiedlichen Schauspieler:innen entstehen.

Nach Aussagen Marthalers und seiner Mitwirkenden zählt das gemeinsame Singen zu den größten Triebkräften der kollektiven Arbeit: „Wir haben ja ganz lange nicht gearbeitet, sind einfach nur zusammengekommen und haben Lieder gesungen. Das ist ja das Interessante, man arbeitet noch nicht wirklich, obwohl unglaublich viel entsteht.“ Andererseits erfordert der Chor auch „ein harter Drill“ und führt zu einer ernüchternden Erkenntnis: „dass die Leute im Grunde Autisten sind und gar nichts Gemeinsames machen können“[ii]

Kollektive Kreativität, zugleich gebändigt durch Ordnung und Regelwerk – das ist die Formation des Marthaler’schen Theaters. In diesem Kollektiv gibt es immer auch schläfrige Individuen, die über „merkwürdige Kommunikationsnetze“ lose miteinander verbunden sind und nur sporadisch aus ihrer Vereinsamung erwachen. Die Darsteller in Gipfel sind mal perfekt synchron: sie kauen gemeinsam schweizerische Gipfeli, sie rezitieren „Ja“ und „Nein“ in verschiedenen Tonlagen und Sprachen; mal driften sie in sprachliche Inseln ab – selbst wenn jemand ruft: „Ihr versteht überhaupt nichts!“, bleibt die Resonanz aus.

Sprache und Wörter spielen bei Marthaler nicht zwingend eine größere Rolle als die Musik. Auf dieser Bühne, die das Zusammenleben von Menschen untersucht, zerlegt er den „Gipfel“ – den natürlichen Gipfel, den Machtgipfel, die Gipfelkonferenz – durch Sprachverwirrung, Musik und Chorgesang. Früher wich Marthaler politischen Zuschreibungen aus; diesmal aber verdeckt er sie nicht, sondern legt im humorvollen und satirischen Dekonstruktionsgestus die Heuchelei elitärer Politik offen. Und er stellt die Frage an das Publikum: Was geschieht eigentlich auf dem Weg zum Gipfel der Macht?

„Ich habe schon immer gern beobachtet, wie sich eine Gruppe bildet, wie sie sich organisiert und ob jeder seinen Platz findet“, so beschreibt Marthaler seine Sicht auf diese „Gipfelkonferenz“.[iii]

Holzhaus, österreichischer Dialekt, Lederhose, Bergsteiger­ausrüstung, Sauna, Musik – all diese klar deutschsprachigen Elemente ziehen sich durch das Stück und erinnern mich an die „deutschsprachige Sektion“ der Berlinale. Diese Filme sind handwerklich präzise, meist auf den Alltag des Bürgertums konzentriert und oft bevölkert von Figuren mit Musiker-, Komponisten- oder Dirigentenhintergrund. Wird das Stück aus Sicht des französischen Publikums ebenfalls als „deutschsprachige Folklore“ etikettiert? Als ich im Publikum des Avignon-Festivals schwarze und asiatische Gesichter sah, fragte ich mich unweigerlich: Können diese Zuschauer sich mit den auf der Bühne gezeigten, prächtigen alpenländischen Trachten und weißen Eliten identifizieren? Ist das Zusammenleben trotz gegenseitigen Unverständnisses ein exklusiv europäisches Thema? Und falls ja – können die Darsteller dies überhaupt repräsentieren?

Zweifellos zeigt Marthaler mit Gipfel erneut seine präzise, fast uhrwerkartige Bühneneleganz[iv]. Doch wie die Schweizer Uhr ist auch sie ein Symbol von Klasse und Distinktion geworden.


[i] Robert, Catherine. “Rendez-vous au ‘Sommet’, chez les grands de ce monde avec Christoph Marthaler, une épopée cocasse….” La Terrasse, no. 334, 20 June 2025, journal-laterrasse.fr/rendez-vous-au-sommet-chez-les-grands-de-ce-monde-avec-christoph-marthaler-une-epopee-cocasse/. Accessed 25 July 2025.

[ii] Kurzenberger, Hajo. “Theaterkollektive: Von der ‚Truppe 31‘ zur ‚Marthaler-Familie‘, von der Politisierung der 68er-Bewegung zur Privatisierung des Theatermachens in den Neunzigern.” Der kollektive Prozess des Theaters: Chorkörper – Probengemeinschaften – theatrale Kreativität, transcript Verlag, 2009, pp. 152–156.

[iii]  “Interview with Christoph Marthaler and Malte Ubenauf.” Festival d’Avignon, festival-avignon.com/en/entretien-avec-christoph-marthaler-malte-ubenauf-352766. Accessed 20 Aug. 2025.

[iv] Robert, Catherine. “Rendez-vous au ‘Sommet’, chez les grands de ce monde avec Christoph Marthaler, une épopée cocasse….” La Terrasse, no. 334, 20 June 2025, journal-laterrasse.fr/rendez-vous-au-sommet-chez-les-grands-de-ce-monde-avec-christoph-marthaler-une-epopee-cocasse/. Accessed 25 July 2025.